Kirchen abreißen

In der Vergangenheit galten die Niederlande als lohnendes Reiseziel für Pastoralplaner und Architekten, wenn es um die Umnutzung von Kirchengebäuden galt. Gerade in der Provinz Limburg, so z.B. in Maastricht, fand man Projekte mit Modellcharakter. Gerade in der Grenzregion, so z.B. für die Diskussion um die Umnutzung von Kirchen im Bistum Aachen, war der Blick über die Grenze zum direkten Nachbarn sehr inspirierend.

Damit ist jetzt wohl Schluss und interessanterweise kommt dieser Schlussstrich nicht von Kirchenkritikern, sondern von der Kirche selbst. Das Bistum Roermond hat jüngst beschlossen: „Wenn eine sakrale Nutzung der Kirchen nicht mehr möglich ist, sollen diese abgerissen werden.“

Anlass für diese rigorose Positionierung ist die Einladung der Internationalen Bauausstellung Parkstad, die an einer städtebaulichen und kulturellen Aufwertung der Region arbeitet, Kirchen als historisches Erbe zu erhalten. Der bauliche Erhalt soll korrespondieren mit neuen attraktiven Angeboten für das Gemeinwesen in den Kirchengebäuden. Dazu hat IBA Parkstad eine breite Bürgerbeteilung via soziale Medien gestartet.

Das Bistum jedoch verweigert sich diesem Anliegen grundsätzlich. „Kirchen sind für heilige Handlungen gebaut. Das ist ihre Bestimmung.“Nun ist eine interessante öffentliche Debatte entbrannt unter dem Motto: Bistum nutzt Chance nicht.

https://twitter.com/ibaparkstad/status/737972383995297792

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Überheblich ?

Es ist auffällig, mit welcher Überheblichkeit die niederländische Presse – ich lese hier täglich das „Limburgs dagblad“ – die Flüchtlingspolitik in Deutschland beobachtet. Insbesondere nach den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht hat sich der Ton der Berichterstattung verändert. Schaute man im Herbst noch anerkennend auf Angela Merkels Kurs in der europäischen Flüchtlingspolitik, so ist nun vom Ende des Sommermärchens die Rede mit AfD-Politikern als Kronzeugen, weiter davon, dass deutsche Frauen massenhaft Pfefferspray kaufen und in Leserforen wird darüber spekuliert, ob man zum Karneval in die Domstadt fahren kann. Insgesamt wird ein Bild vermittelt, dass Deutschland nicht in der Lage sein wird die Einwanderungsprobleme zu lösen. Die deutschen Bemühungen werden als naiv beschrieben.

 

Die eingenommene Perspektive ist die einer etablierten europäischen Einwanderungsgesellschaft. Nach Schätzungen lebten schon im 17. Jahrhundert bis zu fünf Prozent Ausländer in den Niederlanden: Hugenotten aus Frankreich; Juden aus Portugal und Südosteuropa – und Menschen aus den Kolonien, vor allem wohlhabende Bürger der Antillen, aus Surinam und aus dem späteren Indonesien. Die Niederlande haben seit der 1950er Jahren ihre Integrations- oder besser Nichtintegrationserfahrungen mit den Molukken gemacht.
Heute zeichnet sich ihre Flüchtlingspolitik durch Härte aus. Wer abgelehnt wird, muss in der Regel innerhalb von 28 Tagen das Land verlassen. Nach etwa zwei Monaten soll eine Entscheidung über die Asylanträge fallen. Arbeiten dürfen Asylbewerber erst nach sechs Monaten in einem Lager oder einer zugewiesenen Gemeinde. Flüchtlinge erhalten Geld für Essen, Kleidung und persönliche Ausgaben. Wer anerkannt wird, bekommt zunächst eine Aufenthaltsgenehmigung für fünf Jahre. In dieser Zeit nehmen die Flüchtlinge an Integrationskursen teil und dürfen arbeiten. Um die Versorgung abgelehnter Asylbewerber gibt es heftige Debatten.
Aktuell erleben aber auch die Niederlande, wie sie mit dieser Politik der Härte an Grenzen stoßen. Eine Vielzahl von Städten protestieren gegen den Umgang mit abgelehnten Asylbewerbern und abgelehnte und nun illegal in den Niederlanden lebende Flüchtlinge organisieren sich. Zwar will man nun 7000 zusätzliche Flüchtlinge im Rahmen der europäischen Vereinbarungen aufnehmen, aber die europäische Politik der Regierungskoalition bleibt lavierend. Die Koalition ist in dieser Frage zerstritten und wird von der PVV getrieben, deren Vorsitzender Geert Wilders 2015 erneut zum Politiker des Jahres gewählt wurde.

 

Es besteht also eher Grund zur Sorge, denn zur Überheblichkeit. Hoffnungsvoll jedenfalls stimmt, dass in Deutschland wie den Niederlanden die Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge in der Bevölkerung enorm groß ist.

https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/aktuelles/archiv/2015/oktober/1015fluechtlinge.html
http://www.welt.de/politik/ausland/article141023035/Der-Aufstand-der-Staedte-fuer-mehr-Fluechtlinge.html
https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/aktuelles/archiv/2015/september/0914fluechtlingsfrage.html

Schutzzonen

Die aktuellen Kriege insbesondere in Syrien und dem Irak – die davon ausgehende Bedrohung und Vernichtung von gesellschaftlichen und religiösen Minderheiten – bringen die Frage der Einrichtung von UN-Schutzzonen wieder auf die politische Agenda. Es ist eine heterogene Allianz, die sich dort zusammenfindet. Kirchenvertreter fordern angesichts der Bedrohung der christlichen Minderheiten die Einrichtung solcher Zonen ebenso wie Politiker, die darin eine Präventionsmöglichkeit gegen Fluchtbewegungen sehen.

Die Debatte fällt mitten hinein in die Rückblicke zum Drama von Srebrenica. Am 11. Juli 1995 stürmten serbische Milizen die UN-Schutzzone. In Anwesenheit der niederländischen UN-Blauhelme wurden mehr als 8000 Muslime von den Serben getötet und in Massengräbern verscharrt. Frauen wurden in Vergewaltigungslager gebracht. Bis heute, 20 Jahre später, sind immer noch nicht alle Opfer gefunden und identifiziert. Dieses Massaker war der erste Völkermord nach dem Zweiten Weltkrieg in Europas Geschichte.

So mangelte es auch nicht an entsprechenden Gedenkveranstaltungen und Publikationen im Juli und August diesen Jahres. In den Niederlanden setzte man sich mit der eigenen Verantwortung an dem Völkermord auseinander und ehemalige Blauhelmsoldaten erzählten ihre Geschichte – in keiner fehlte der Satz: Srebrenica hat mein Leben kaputt gemacht.

Was aber hat die internationale Gemeinschaft gelernt aus dem Geschehen? Noch immer ist die Völkergemeinschaft nicht in der Lage Schutzzonen wirksam militärisch durchzusetzen und zu verteidigen. Noch immer propagiert die Friedensbewegung ein grundsätzliches Nein zu Militäreinsätzen mit dem Ziel UN-Schutzzonen einzurichten.

Die Schatten von Srebrenica sind immer noch mächtig. Wertvolle Zeit ist seit 1995 verronnen und erneut versagt die Krisenpolitik der UN. Schon 2005 schrieb Annette Simon in ihrer Analyse „UN-Schutzzonen – ein Schutzinstrument für verfolgte Personen?“

„In the end UN-safety zones are a case of reponsibililty. Only if the international community is willing to take this responsibility and to exercise it faithfully, can UN-saftey zones leave the dark shadow of Srebrenica an become a succesful instrument in the fight against the greatest enemies of civilians in armed conflicts – genocide, crimes against humanitiy and war crimes.
http://bit.ly/1hDylSc

http://bit.ly/1UuKllG

http://www.mpil.de/files/pdf2/beitr179.pdf

Konversion

In 2010 habe ich den Abriss der Kirche Maria Goretti in Kerkrade fotografisch festgehalten. Wie eine klaffende Wunde im Stadtbild sah die Ruine aus. Nun läuft der Wiederaufbau. Wo früher eine Kirche stand, entsteht ein modernes Zentrum mit allem was die alternde Bevölkerung des Stadtteils braucht: Arztpraxen, Kommunikationsorte, bedarfsgerechter Wohnraum und Pflegeeinrichtungen. Eine gelungene Konversion – oder?

06

Freiheitstag

Heute am 5. Mai ist der wichtigste Feiertag in den Niederlanden. Der Bevrijdingsdag. Es ist ein Tag der Erinnerung an das Kriegsende und der Dankbarkeit gegenüber den Alliierten.

In Margraten, wo 3300 amerikanische Soldaten begraben sind, werden die Gräber mit Bildern versehen. Die Toten sollen ein Gesicht bekommen. Und auch für einen selbstkritischen Blick auf die eigene Geschichte ist Raum an diesem Tag. So finden sich in Tageszeitungen nachdenkliche Portraits von Kindern, deren Eltern Mitglied in der Nationaal-Socialistische Beweging (NSB) waren.

Neben die Erinnerung tritt zunehmend ein Nachdenken über die Bedeutung von Freiheit für die Niederlande. Kommentatoren und Feuilletonisten beschäftigen sich mit dem gesellschaftlichen Wert der Freiheit. Es ist eine brennende Frage angesichts von wachsenden innergesellschaftlichen Konflikten, zunehmender Überwachung der Bevölkerung, steigendem Terrorrisiko und dem Abweisen von Freiheitssuchenden an den Landesgrenzen bzw. ihrem Sterben an der EU-Außengrenze.

In Deutschland ist Freiheit das zentrale Thema des Bundespräsidenten. Die Personalisierung aber schafft noch keine gesellschaftliche Debatte. Demokratien brauchen, das zeigt das Beispiel der Niederlande, nationale Feiertage, die nicht nur rückwärts gerichtet sind, sondern die eigenen Grundwerte neu durchbuchstabieren. Ein Freiheitstag könnte auch in Deutschland Anlass bieten, sich mit den faulen Kompromissen in Sachen Freiheit zu beschäftigen, wo Menschenrechte aktuell verletzt werden, wo eine neue Dimension der Überwachung der Bevölkerung erreicht scheint, wo Handlungsbedarf für die Gesellschaft besteht. Ein solcher Tag könnte aufzeigen, wofür es lohnt als Bürgerinnen und Bürger einzutreten und das miteinander zu feiern.