Kirchen abreißen

In der Vergangenheit galten die Niederlande als lohnendes Reiseziel für Pastoralplaner und Architekten, wenn es um die Umnutzung von Kirchengebäuden galt. Gerade in der Provinz Limburg, so z.B. in Maastricht, fand man Projekte mit Modellcharakter. Gerade in der Grenzregion, so z.B. für die Diskussion um die Umnutzung von Kirchen im Bistum Aachen, war der Blick über die Grenze zum direkten Nachbarn sehr inspirierend.

Damit ist jetzt wohl Schluss und interessanterweise kommt dieser Schlussstrich nicht von Kirchenkritikern, sondern von der Kirche selbst. Das Bistum Roermond hat jüngst beschlossen: „Wenn eine sakrale Nutzung der Kirchen nicht mehr möglich ist, sollen diese abgerissen werden.“

Anlass für diese rigorose Positionierung ist die Einladung der Internationalen Bauausstellung Parkstad, die an einer städtebaulichen und kulturellen Aufwertung der Region arbeitet, Kirchen als historisches Erbe zu erhalten. Der bauliche Erhalt soll korrespondieren mit neuen attraktiven Angeboten für das Gemeinwesen in den Kirchengebäuden. Dazu hat IBA Parkstad eine breite Bürgerbeteilung via soziale Medien gestartet.

Das Bistum jedoch verweigert sich diesem Anliegen grundsätzlich. „Kirchen sind für heilige Handlungen gebaut. Das ist ihre Bestimmung.“Nun ist eine interessante öffentliche Debatte entbrannt unter dem Motto: Bistum nutzt Chance nicht.

https://twitter.com/ibaparkstad/status/737972383995297792

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Versuchung

 

Nach dem Wahlerfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden- Württemberg und Sachsen-Anhalt sehen sich auch die Kirchen zur Debatte mit der Partei herausgefordert. Es scheint, dass ignorieren nicht mehr geht, unklar jedoch ist, wie eine Auseinandersetzung geschehen soll. Soll man mit Vertretern der AfD reden oder gar Kontakt zur Bundesvereinigung „Christen in der AfD“ suchen? Deren Bundessprecherin Anette Schultner jedenfalls schlägt schon einmal eine Richtung vor: „Viele von der CDU enttäuschte Christen haben in der AfD eine politische Heimat gefunden. Sie stammen aus der Mitte der Gesellschaft“. War der Schritt, Politiker der AfD nicht zum Katholikentag in Leipzig zuzulassen, der richtige?

Bevor die Kirchen in ein Gespräch mit der AfD oder deren Positionen eintreten, kommen sie nicht um eine Selbstvergewisserung umhin. Natürlich gibt es eklatante Widersprüche zwischen dem Rechtspopulismus der Partei und dem christlichen Menschenbild, aber es gibt eben auch Berührungen mit kirchlichen Positionen. Somit gilt es den eigenen Standpunkt zu klären. Ordnungsrufe, wie Anfang des Jahres von Erzbischof Schick, sind ein wichtiges Signal, gehen aber an der Wirklichkeit vorbei, dass Christen die AfD guten Gewissens und aus Überzeugung wählen.

Dass eine solche Partei für Christen attraktiv ist, sollte daher der Ausgangspunkt einer kircheninternen Debatte sein. Das wird nicht leicht, denn auch in den Kirchen wird die Polarisierung stärker. Früher war doch alles besser – oder? Die Kirchen werden nun erneut von ungeklärten Fragen, wie z.B. ihrem Verhältnis zu Pluralismus, Demokratie und Zivilgesellschaft eingeholt. Ist eine plurale, demokratische, liberale und offene Gesellschaft wirklich ein Leitbild kirchlichen Handelns?

 

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-der-kritiker-staerke-und-ordnung-egal-wie-a-1083037.html

Verlegenheit

Papst Franziskus wird 2016 den Karlspreis der Stadt Aachen erhalten. Mit diesem Preis werden seit 1950 jährlich Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Nun scheint aber angesichts der Krise der Europäischen Union diese Spezies immer schwieriger zu finden zu sein. Im letzten Jahr konnte man mit Martin Schulz, als Parlamentspräsident, noch einen aus dem Kerngeschäft küren, aber in diesem Jahr wurde es eng. Wohl kaum ein europäischer Politiker oder eine europäische Institution, die nicht polarisiert hätte. Kaum vorstellbar, den Preis heute an einen osteuropäischen Regierungschef zu verleihen oder an die Grenzschutzagentur Frontex. Dabei ließen sich für beide Optionen durchaus Gründe finden.

So lag es unter diesen Bedingungen nahe auf Papst Franziskus zurückzugreifen, zumal dieser am 25. November 2015 eine nachdenkliche Rede vor dem Europaparlament gehalten hat. Er war es auch, der zu Beginn seiner Amtszeit dem europäischen Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer die ihm gebotene Aufmerksamkeit gab mit seinem Besuch auf Lampedusa, er erinnert Europa an seine Werte und prangert Europas mörderische Wirtschaftspolitik an. Inhaltlich, so mag man urteilen, ist er daher kein schlechter Preisträger. Und doch wird dieser Preisträger zur Projektionsfläche der Politik um vor ihrer Verantwortung abzulenken – sei es in Fragen des Klimawandels oder Europas. Ganz unproblematisch ist sicher auch aus europäischer Sicht nicht, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche ausgezeichnet wird, wo doch die Frage des Miteinanders verschiedener Religionen eine Zukunftsfrage Europas ist.

Ich frage mich, ob es nicht glaubwürdiger gewesen wäre, angesichts der europäischen Lage in diesem Jahr einmal den Preis nicht zu verleihen. Als ein Zeichen, ein Moratorium. Ein Hinweis darauf, dass die europäische Idee zur Ideologie zu geraten droht – da wo keine solidarische Flüchtlingspolitik möglich ist, wo Banken und Konzerne auf Kosten von Menschenrechten und Sozialem den Euroraum gestalten.

 

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/karlspreis-an-papst-franziskus-peinlich-13982701.html

Weihnachten

wird dieses Jahr zu einem Statement stilisiert. Nach den Attentaten von Paris und mitten im Krieg gegen den IS werden Politiker und Feuilletonisten angesichts von Weihnachten die Kraft der christlichen Werte beschwören. In sozialen Netzwerken und Tageszeitungen, wird in den nächsten Tagen versucht werden die Botschaft von Weihnachten mit der Flüchtlingssituation und der Frage von Krieg und Frieden zu verbinden. Sie sind vorhersehbar, die Appelle von Angela Merkel, Joachim Gauck und den deutschen Bischöfen.

 

Aber machen wir uns nichts vor. Neben der Welt der Religionen mit ihren traditionellen Angeboten hat sich längst ein Bereich von Areligiösität und Indifferentismus in den westlichen Industriestaaten formiert, in dem man nicht mehr religiös denkt und empfindet. Der evangelische Theologe Hans-Martin Barth sieht hierin eine neue Stufe der Religionsgeschichte. Wer die intellektuelle Schwäche des Westens in der Auseinandersetzung mit dem IS überwinden will, wie es einige Philosophen und Theologen fordern, muss, meiner Ansicht nach, bei dieser Situation ansetzen. Das bedeutet die Polarität von Religiösem und Weltlichem, die aktuell wieder oft beschworen wird zu überwinden und zutiefst anzuerkennen, dass die Erosion des Christlichen und der neue Atheismus im Zusammenhang mit dem Wirken Gottes stehen. Das, so Barth, ist die menschheitsgeschichtliche Aufgabe für die Kirchen.

 

Würden sie sich dieser Aufgabe stellen, wären sie nicht Hüter und Bewahrer der institutionellen Form, sondern Vorboten und Helfer auf dem Weg zu einem Christentum, in dessen Zentrum Freiheit und Lebensfreude stehen und die Verteidigung der Menschenrechte. Oder wie es Dietrich Bonhoeffer formulierte: „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben“. Dann würde etwas Neues buchstabiert, gleichsam eine Geburt, nicht die ritualisierte Wiederholung des Alten. Es würde der Weg frei zu einem religionstranszendenten Christentum – einem Christentum, das sich nicht in Kirchlichkeit erschöpft und die Gottesfrage nicht als beantwortet erklärt, sondern als offene Lebensfrage in unseren Gesellschaften wachhält.

 

Angesichts der stets heftiger werdenden Wortgefechte der Gottesbehaupter erscheint diese Vorstellung wie ein Traum – ein weihnachtlicher Traum.

 

Literaturtipp:

Hans-Martin Barth, Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein, Gütersloh 2013

http://www.bonhoeffer.ch/artikel/gegen-die-veraechter-des-leibes/

http://hinsehen.net/2015/12/12/religion-ist-gegen-waffen-immun-ueber-die-intellektuelle-schwaeche-des-westens/

https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/ode-an-den-tod

 

Konversion

In 2010 habe ich den Abriss der Kirche Maria Goretti in Kerkrade fotografisch festgehalten. Wie eine klaffende Wunde im Stadtbild sah die Ruine aus. Nun läuft der Wiederaufbau. Wo früher eine Kirche stand, entsteht ein modernes Zentrum mit allem was die alternde Bevölkerung des Stadtteils braucht: Arztpraxen, Kommunikationsorte, bedarfsgerechter Wohnraum und Pflegeeinrichtungen. Eine gelungene Konversion – oder?

06

Der erleuchtete Kapitalismus

Im Vorfeld des 1. Mai ist Gelegenheit um über den Zusammenhang von Religion und Wirtschaft nachzudenken.

Die kapitalistische Marktwirtschaft ist eng mit dem Katholizismus europäischer Gestalt verbunden – ebenso wie die Demokratie und der Sozialstaat. Kirchliche Wertvorstellungen prägten Arbeitsmoral, Betriebsabläufe und das ökonomische Handeln. Dies war keine reine Adaptionsgeschichte, sie wurde auf katholischer Seite immer auch begleitet von einer päpstlichen Sozialverkündigung und von kritischen katholisch sozialen Bewegungen, die für sozialstaatliche Korrekturen der kapitalistischen Marktwirtschaft plädierten. Nachhall hat für viele noch der provokante Ruf von Papst Franziskus aus dem vergangenen Jahr, dass „diese Wirtschaft tötet“.

Trotz der markanten Worte des Papstes, ist die sozialpolitisch-kapitalismuskritische Kritik durch die Großkirchen „eines sanften Todes“ entschlafen“, so der Frankfurter Sozialethiker Bernhard Emunds. Während hier eine ethische Traditionslinie abstirbt, meditieren Banker, Vorstandsvorsitzende machen Yoga und ganze Abteilungen von Konzernen üben sich in Achtsamkeit. Längst hat die östliche Spiritualität die Leitbilder von Unternehmensberatern und Personalagenturen durchdrungen. Sind es heute die östlichen Religionen auf denen eine ethische Kritik der Weltwirtschaftsordnung gründet? Ist ihr Beitrag heute wirksamer als jener der kritischen katholischen Bewegungen in der Vergangenheit?

Marc Simons beleuchtete in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26. April diesen religiösen Paradigmenwechsel. Seiner Analyse nach haben die gesellschaftlich prägendsten Sektoren – Finanzen, Handel und Kommunikation – die spirituellen Praktiken und Philosophien der östlichen Lehren bereits tief verinnerlicht. Bei Ebay und Google wird gelehrt: „Alles was gut ist für den Menschen ist auch gut fürs Geschäft“. Propagiert wird die Versöhnung von Spiritualität und Kapitalismus. Eine Spiritualität, die Burn-out verhindern, Depressionen lindern und den Betrieb achtsam am Laufen halten soll.

Viele der von kirchlichen Kräften errungenen sozialstaatlichen Korrekturen der kapitalistischen Marktwirtschaft sind inzwischen Geschichte. Schreibt die neue Allianz von östlichen Religionen und Wirtschaft hier ein neues erfolgreiches Kapitel? Skepsis scheint mir angebracht. „Rette die Welt in deiner Freizeit“ – heißt es in einer spirituellen Handreichung zur Mitarbeiterführung. Das aber wird nicht ausreichen angesichts der ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

http://bit.ly/1JEiTxs

http://bit.ly/1DJFa8D

Europas Werte

Die europäische Politik findet keine Lösungen auf drängende Fragen. Angesichts von wohl weit mehr als 700 ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmehr fällt es schwer über Europas Werte nachzudenken. Und doch ist es nötig.

Im letzten Monat hat der niederländische Autor und engagierte Europäer Geert Mak in Naarden/NL den Comeniuspreis entgegengenommen.

Comenius gilt als der große Pädagoge des 17. Jahrhunderts. Er war der Erste, der die Pädagogik vom Kind her entwarf. Seine Vorstellungen einer lebensnahen Schule und einer gewaltfreien Erziehung sind bis heute gültig geblieben, ebenso sein Erziehungsziel, die Befähigung des Menschen zur Menschlichkeit. Seine Hoffnung auf eine humane Welt, auf Fortschritt und Verbesserung des menschlichen Lebens verbinden ihn mit der Neuzeit.

An diese Leistung erinnerte Geert Mak in seiner Dankesrede. Er betonte, dass es heute erneut die Aufgabe sei, die Frage nach der Menschlichkeit des Menschen ins Zentrum der Gesellschaft, der Wissenschaft, der Ökonomie und Politik zu stellen. Als religiös geprägter Mensch sieht er mit Sorge, dass bei diesem Projekt die Kirchen in Europa keine allzu große Rolle mehr spielen werden.

Und dennoch gilt es das anzuerkennen. Es braucht nicht den Disput, ob religiöse Menschen besser sind als säkulare. Vielmehr geht es darum, dass in einer Zeit der massiven Säkularisierung Millionen Menschen eine ungeheure moralische Last auf ihren Schultern tragen und sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Hier bedarf es eines Suchprozesses nach einer neuen Säkularisierung, die in der Lage ist zu Aktion und wirklicher Empathie, wie es die Religionen manchmal konnten, eine Säkularisierung die Menschen bezaubert menschlicher zu werden.

Die Philosophie des Comenius gilt als Brücke zwischen der Renaissance und der Aufklärung: Einerseits in der theologischen Tradition stehend, andererseits die Vernunft eines jeden Menschen, die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit betonend. Es ist das Verdienst des Preisträgers Geert Mak das er daran erinnert, wie sehr das Projekt Europa in seiner tiefen Krise heute solche Brückenbauer benötigt.

http://www.geertmak.nl