Kirchen abreißen

In der Vergangenheit galten die Niederlande als lohnendes Reiseziel für Pastoralplaner und Architekten, wenn es um die Umnutzung von Kirchengebäuden galt. Gerade in der Provinz Limburg, so z.B. in Maastricht, fand man Projekte mit Modellcharakter. Gerade in der Grenzregion, so z.B. für die Diskussion um die Umnutzung von Kirchen im Bistum Aachen, war der Blick über die Grenze zum direkten Nachbarn sehr inspirierend.

Damit ist jetzt wohl Schluss und interessanterweise kommt dieser Schlussstrich nicht von Kirchenkritikern, sondern von der Kirche selbst. Das Bistum Roermond hat jüngst beschlossen: „Wenn eine sakrale Nutzung der Kirchen nicht mehr möglich ist, sollen diese abgerissen werden.“

Anlass für diese rigorose Positionierung ist die Einladung der Internationalen Bauausstellung Parkstad, die an einer städtebaulichen und kulturellen Aufwertung der Region arbeitet, Kirchen als historisches Erbe zu erhalten. Der bauliche Erhalt soll korrespondieren mit neuen attraktiven Angeboten für das Gemeinwesen in den Kirchengebäuden. Dazu hat IBA Parkstad eine breite Bürgerbeteilung via soziale Medien gestartet.

Das Bistum jedoch verweigert sich diesem Anliegen grundsätzlich. „Kirchen sind für heilige Handlungen gebaut. Das ist ihre Bestimmung.“Nun ist eine interessante öffentliche Debatte entbrannt unter dem Motto: Bistum nutzt Chance nicht.

https://twitter.com/ibaparkstad/status/737972383995297792

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Papst und Karlspreis

An Christi Himmelfahrt also wird er an Papst Franziskus verliehen – der Karlspreis der Stadt Aachen. Viele Prominente werden sich in Rom einfinden. Europapolitiker und ehemalige Karlspreisträger werden sich anhören, was der Papst ihnen zu sagen hat. So wollten es die Initiatoren. Sie wünschten sich einen Preisträger, der den Verantwortlichen in Europa „die Leviten liest“.

In der Verleihung des Preises an den Papst, der meiner Meinung nach diesen Preis besser nicht angenommen hätte, kommt die Sehnsucht Europas nach einem „starken Mann“ zum Ausdruck, eben jener Figur von unantastbarer Autorität. Das Oberhaupt einer Institution, die sich auf eine göttliche Ordnung beruft, hierarchisch verfasst ist und im Konflikt mit der Demokratie steht, soll nun die wahren europäische Werte postulieren und einen Beitrag zur politischen Zukunft Europas leisten.

Das wird ihm wohl kaum gelingen, aber das dürfte weniger an ihm liegen. Er dient nur als Kulisse für die Gruppe derjenigen, die sich zerstritten und uneins über die Zukunft Europas präsentiert. Es wird ihn nicht geben – den Auftakt zu einer Debatte über die Vereinigten Staaten von Europa. Eine Debatte die dringend geboten wäre.

Stattdessen bestätigt das Ereignis auf subtile Weise den wachsenden Wunsch nach autoritären Regierungsformen in Europa, wie er von verschiedenen Studien nachgewiesen wird. So ist fast jeder dritte Deutsche der Ansicht, dass ein „starker Mann“ an der Spitze gebraucht werde, der sich nicht um Parlament oder Wahlen schert. In Großbritannien und Frankreich sind mehr als 40 Prozent dieser Ansicht. In Ländern wie Portugal oder Polen liegt dieser Anteil sogar bei mehr als 60 Prozent.

http://www.aachener-nachrichten.de/dossier/karlspreis/revolutionaer-gegen-traegheit-und-feigheit-europas-1.1254538

Religionen und Demokratie: Keine natürliche Symbiose

 

 

 

Versuchung

 

Nach dem Wahlerfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden- Württemberg und Sachsen-Anhalt sehen sich auch die Kirchen zur Debatte mit der Partei herausgefordert. Es scheint, dass ignorieren nicht mehr geht, unklar jedoch ist, wie eine Auseinandersetzung geschehen soll. Soll man mit Vertretern der AfD reden oder gar Kontakt zur Bundesvereinigung „Christen in der AfD“ suchen? Deren Bundessprecherin Anette Schultner jedenfalls schlägt schon einmal eine Richtung vor: „Viele von der CDU enttäuschte Christen haben in der AfD eine politische Heimat gefunden. Sie stammen aus der Mitte der Gesellschaft“. War der Schritt, Politiker der AfD nicht zum Katholikentag in Leipzig zuzulassen, der richtige?

Bevor die Kirchen in ein Gespräch mit der AfD oder deren Positionen eintreten, kommen sie nicht um eine Selbstvergewisserung umhin. Natürlich gibt es eklatante Widersprüche zwischen dem Rechtspopulismus der Partei und dem christlichen Menschenbild, aber es gibt eben auch Berührungen mit kirchlichen Positionen. Somit gilt es den eigenen Standpunkt zu klären. Ordnungsrufe, wie Anfang des Jahres von Erzbischof Schick, sind ein wichtiges Signal, gehen aber an der Wirklichkeit vorbei, dass Christen die AfD guten Gewissens und aus Überzeugung wählen.

Dass eine solche Partei für Christen attraktiv ist, sollte daher der Ausgangspunkt einer kircheninternen Debatte sein. Das wird nicht leicht, denn auch in den Kirchen wird die Polarisierung stärker. Früher war doch alles besser – oder? Die Kirchen werden nun erneut von ungeklärten Fragen, wie z.B. ihrem Verhältnis zu Pluralismus, Demokratie und Zivilgesellschaft eingeholt. Ist eine plurale, demokratische, liberale und offene Gesellschaft wirklich ein Leitbild kirchlichen Handelns?

 

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-der-kritiker-staerke-und-ordnung-egal-wie-a-1083037.html

Polen

„Die katholische Kirche unterstützte vor 20 Jahren den Widerstand gegen das kommunistische Regime: Sie trug zu seinem Zusammenbruch bei und verteidigte die nationale Identität Polens. Heute hält die katholische Kirche in Polen an konservativen Mustern fest und verfolgt eigene politische Ziele.“ Mit diesen Worten leitete die Bundeszentrale für Politische Bildung 2009 ihr Dossier über Polen ein.

Heute 2016 erreichen uns Meldungen aus Polen, dass Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung eingeschränkt wurden und die Medien auf eine staatliche Einheitslinie gebracht werden. Der Ausspruch von Papst Johannes Paul II, dass der Kommunismus genauso gefährlich sei wie die moderne, westliche liberale Demokratie, bekommt eine bedrückende Aktualität. Er zeigt, dass der Widerstand gegen den Kommunismus und die Unterstützung der aktuellen Regierung demselben Denken entspringen.

So hat das neue Regime in Polen eine altbewährte machtvolle Stütze: Die katholische Kirche. „Das Fundament des Polentums sind die Kirche und ihre Lehre“, so der Parteichef von „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), Jaroslaw Kaczynski. Er hat den in volkstümlichen Kreisen mächtigen reaktionären katholischen Radiosender Maryja hinter sich, der sich inzwischen ein umfangreiches Medien-Imperium zugelegt hat und dessen zentrales Anliegen der Kampf gegen die liberale Demokratie und ihre „Auswüchse“ ist. „Ohne Radio Maryja hätte PIS die Wahl nicht gewonnen“, so Jaroslaw Kaczynski.
Zwar gab es immer wieder Versuche von einigen polnischen Bischöfen gegen das Maryjaimperium vorzugehen, unterstützt sogar von der Ordensleitung der Redemptoristen und dem Vatikan – aber ohne Erfolg. Ein Kurswechsel ist nicht festzustellen. Im Gegenteil. Roland Düker beobachtet, dass in Polen eine „eine kulturelle Säuberung stattfindet“. (Die Zeit“, 20.Dezember 2015)
Es ist ein wichtiger Schritt, dass die Europäische Kommission nun ein Verfahren gegen Polen einleitet und dass der Protest gegen die Regierungspolitik wächst. Es ist aber auch Aufgabe der katholischen Kirche ihren Kurs endlich zu ändern. Sie muss sich pluralisieren und koalitionsfähig werden mit verschiedenen gesellschaftlichen Lagern.

Gerade aufgrund der belasteten deutsch-polnischen Geschichte darf es der deutschen Kirche nicht gleichgültig sein, was zur Zeit in Polen geschieht. Die Kirchen haben nach dem Zweiten Weltkrieg viel zur Annäherungen der beiden Staaten beigetragen, dennoch sind die Beziehungen immer noch belastet durch die brutale Gewalt der Deutschen in Polen und dadurch ausgelöst der Flucht und Vertreibung. Zur inneren Differenzierung und Pluralisierung der polnischen Kirche beizutragen und die Kräfte zu unterstützen, die für eine weltoffene Kirche und ein handlungsfähiges Europa eintreten, ist daher eine dringende Aufgabe.

http://www.zeit.de/2015/51/polen-pis-andrzej-duda-konservativen-widerstand
http://www.domradio.de/themen/weltkirche/2015-12-07/kaczynski-dankt-kirchensender-fuer-wahlsieg-polen
http://www.bpb.de/internationales/europa/polen/40758/religion-und-politik
http://religionsphilosophischer-salon.de/keys/die-demokratie-retten-in-polen-2015

http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/die-polen-ihre-kirche-und-die-politik

 

Verlegenheit

Papst Franziskus wird 2016 den Karlspreis der Stadt Aachen erhalten. Mit diesem Preis werden seit 1950 jährlich Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Nun scheint aber angesichts der Krise der Europäischen Union diese Spezies immer schwieriger zu finden zu sein. Im letzten Jahr konnte man mit Martin Schulz, als Parlamentspräsident, noch einen aus dem Kerngeschäft küren, aber in diesem Jahr wurde es eng. Wohl kaum ein europäischer Politiker oder eine europäische Institution, die nicht polarisiert hätte. Kaum vorstellbar, den Preis heute an einen osteuropäischen Regierungschef zu verleihen oder an die Grenzschutzagentur Frontex. Dabei ließen sich für beide Optionen durchaus Gründe finden.

So lag es unter diesen Bedingungen nahe auf Papst Franziskus zurückzugreifen, zumal dieser am 25. November 2015 eine nachdenkliche Rede vor dem Europaparlament gehalten hat. Er war es auch, der zu Beginn seiner Amtszeit dem europäischen Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer die ihm gebotene Aufmerksamkeit gab mit seinem Besuch auf Lampedusa, er erinnert Europa an seine Werte und prangert Europas mörderische Wirtschaftspolitik an. Inhaltlich, so mag man urteilen, ist er daher kein schlechter Preisträger. Und doch wird dieser Preisträger zur Projektionsfläche der Politik um vor ihrer Verantwortung abzulenken – sei es in Fragen des Klimawandels oder Europas. Ganz unproblematisch ist sicher auch aus europäischer Sicht nicht, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche ausgezeichnet wird, wo doch die Frage des Miteinanders verschiedener Religionen eine Zukunftsfrage Europas ist.

Ich frage mich, ob es nicht glaubwürdiger gewesen wäre, angesichts der europäischen Lage in diesem Jahr einmal den Preis nicht zu verleihen. Als ein Zeichen, ein Moratorium. Ein Hinweis darauf, dass die europäische Idee zur Ideologie zu geraten droht – da wo keine solidarische Flüchtlingspolitik möglich ist, wo Banken und Konzerne auf Kosten von Menschenrechten und Sozialem den Euroraum gestalten.

 

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/karlspreis-an-papst-franziskus-peinlich-13982701.html

Weihnachten

wird dieses Jahr zu einem Statement stilisiert. Nach den Attentaten von Paris und mitten im Krieg gegen den IS werden Politiker und Feuilletonisten angesichts von Weihnachten die Kraft der christlichen Werte beschwören. In sozialen Netzwerken und Tageszeitungen, wird in den nächsten Tagen versucht werden die Botschaft von Weihnachten mit der Flüchtlingssituation und der Frage von Krieg und Frieden zu verbinden. Sie sind vorhersehbar, die Appelle von Angela Merkel, Joachim Gauck und den deutschen Bischöfen.

 

Aber machen wir uns nichts vor. Neben der Welt der Religionen mit ihren traditionellen Angeboten hat sich längst ein Bereich von Areligiösität und Indifferentismus in den westlichen Industriestaaten formiert, in dem man nicht mehr religiös denkt und empfindet. Der evangelische Theologe Hans-Martin Barth sieht hierin eine neue Stufe der Religionsgeschichte. Wer die intellektuelle Schwäche des Westens in der Auseinandersetzung mit dem IS überwinden will, wie es einige Philosophen und Theologen fordern, muss, meiner Ansicht nach, bei dieser Situation ansetzen. Das bedeutet die Polarität von Religiösem und Weltlichem, die aktuell wieder oft beschworen wird zu überwinden und zutiefst anzuerkennen, dass die Erosion des Christlichen und der neue Atheismus im Zusammenhang mit dem Wirken Gottes stehen. Das, so Barth, ist die menschheitsgeschichtliche Aufgabe für die Kirchen.

 

Würden sie sich dieser Aufgabe stellen, wären sie nicht Hüter und Bewahrer der institutionellen Form, sondern Vorboten und Helfer auf dem Weg zu einem Christentum, in dessen Zentrum Freiheit und Lebensfreude stehen und die Verteidigung der Menschenrechte. Oder wie es Dietrich Bonhoeffer formulierte: „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben“. Dann würde etwas Neues buchstabiert, gleichsam eine Geburt, nicht die ritualisierte Wiederholung des Alten. Es würde der Weg frei zu einem religionstranszendenten Christentum – einem Christentum, das sich nicht in Kirchlichkeit erschöpft und die Gottesfrage nicht als beantwortet erklärt, sondern als offene Lebensfrage in unseren Gesellschaften wachhält.

 

Angesichts der stets heftiger werdenden Wortgefechte der Gottesbehaupter erscheint diese Vorstellung wie ein Traum – ein weihnachtlicher Traum.

 

Literaturtipp:

Hans-Martin Barth, Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein, Gütersloh 2013

http://www.bonhoeffer.ch/artikel/gegen-die-veraechter-des-leibes/

http://hinsehen.net/2015/12/12/religion-ist-gegen-waffen-immun-ueber-die-intellektuelle-schwaeche-des-westens/

https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/ode-an-den-tod

 

Schutzzonen

Die aktuellen Kriege insbesondere in Syrien und dem Irak – die davon ausgehende Bedrohung und Vernichtung von gesellschaftlichen und religiösen Minderheiten – bringen die Frage der Einrichtung von UN-Schutzzonen wieder auf die politische Agenda. Es ist eine heterogene Allianz, die sich dort zusammenfindet. Kirchenvertreter fordern angesichts der Bedrohung der christlichen Minderheiten die Einrichtung solcher Zonen ebenso wie Politiker, die darin eine Präventionsmöglichkeit gegen Fluchtbewegungen sehen.

Die Debatte fällt mitten hinein in die Rückblicke zum Drama von Srebrenica. Am 11. Juli 1995 stürmten serbische Milizen die UN-Schutzzone. In Anwesenheit der niederländischen UN-Blauhelme wurden mehr als 8000 Muslime von den Serben getötet und in Massengräbern verscharrt. Frauen wurden in Vergewaltigungslager gebracht. Bis heute, 20 Jahre später, sind immer noch nicht alle Opfer gefunden und identifiziert. Dieses Massaker war der erste Völkermord nach dem Zweiten Weltkrieg in Europas Geschichte.

So mangelte es auch nicht an entsprechenden Gedenkveranstaltungen und Publikationen im Juli und August diesen Jahres. In den Niederlanden setzte man sich mit der eigenen Verantwortung an dem Völkermord auseinander und ehemalige Blauhelmsoldaten erzählten ihre Geschichte – in keiner fehlte der Satz: Srebrenica hat mein Leben kaputt gemacht.

Was aber hat die internationale Gemeinschaft gelernt aus dem Geschehen? Noch immer ist die Völkergemeinschaft nicht in der Lage Schutzzonen wirksam militärisch durchzusetzen und zu verteidigen. Noch immer propagiert die Friedensbewegung ein grundsätzliches Nein zu Militäreinsätzen mit dem Ziel UN-Schutzzonen einzurichten.

Die Schatten von Srebrenica sind immer noch mächtig. Wertvolle Zeit ist seit 1995 verronnen und erneut versagt die Krisenpolitik der UN. Schon 2005 schrieb Annette Simon in ihrer Analyse „UN-Schutzzonen – ein Schutzinstrument für verfolgte Personen?“

„In the end UN-safety zones are a case of reponsibililty. Only if the international community is willing to take this responsibility and to exercise it faithfully, can UN-saftey zones leave the dark shadow of Srebrenica an become a succesful instrument in the fight against the greatest enemies of civilians in armed conflicts – genocide, crimes against humanitiy and war crimes.
http://bit.ly/1hDylSc

http://bit.ly/1UuKllG

http://www.mpil.de/files/pdf2/beitr179.pdf