Ohne Worte

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Terror und Barmherzigkeit

ein Gastbeitrag von Bruno Ortmanns

… stellen wir uns vor: „Ein Terrorist kapert eine Passagiermaschine und zwingt den Pilo­ten, Kurs auf ein voll besetztes Fußballstadion zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luft­waffe das Flugzeug in letzter Minute ab, alle Passagiere sterben. Der Pilot muss sich vor Gericht für sein Handeln verantwor­ten.“ Soll der Pilot verur­teilt werden, weil er 160 Menschen in der Passagiermaschine getötet hat oder freigesprochen werden, weil er 70.000 Menschen im Fußballstadion das Leben gerettet hat?

Vor diese Entscheidung sahen wir uns gestellt, als meine Frau und ich Ende Februar das Theaterstück „Terror“ des Schriftstellers und Juristen Ferdinand von Schirach im Theater Aachen besuchten. Schirach hat sein Theaterstück als Gerichtsverhandlung konstruiert, bei der die Zuschauer die Richter sind. Zu Beginn bekommt jeder Besucher einen Zettel, der mit „schuldig“ und „nicht-schuldig“ beschriftet ist. Im Rahmen der The­aterverhandlung kommen Prozessleiter, Staatsanwaltschaft, Verteidiger, Beschuldig­ter, Zeuge und Nebenkläger zu Wort und tauschen ihre Argumente und Emotionen aus. Es folgen Schlussplädoyers der Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Nach einer Pause müssen sich die Theaterbesucher/Richter durch einen Urnengang entscheiden: „schuldig“ oder „nicht-schuldig“. Die Stimmen werden vom Prozessleiter und einem Justizbeamten öffentlich im Theatersaal ausgezählt. Das Urteil wird verkündet und kurz begründet.

An diesem Abend hatte sich eine Mehrzahl der Zuschauer für den Freispruch des An­geklagten entschieden und wenn man sich das bisherige Urteilsergebnis des Theater­stücks, das derzeit in mehreren Theatern im Bundesgebiet gespielt wird, anschaut, wird dieses Urteil – von wenigen Ausnahmen abgesehen – bestätigt.

Schnitt –
Einige Zeit bevor ich das Theaterstück/die Gerichtsverhandlung miterlebte, hatte ich das Interview mit Papst Franziskus, „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Ein Ge­spräch mit Andrea Tornielli“ gelesen. In diesem Interview, spricht Papst Franzis­kus von einer unendlich göttlichen Barmherzigkeit und plä­diert dafür, dass auch die Kirche barmherzig sein müsse.

Schnitt –
Ich war zum Zeitpunkt des Theaterprozesses nicht barmherzig und habe den Kampf­piloten schuldig gesprochen. Für mich war es Mord an 160 Menschen. In der Diskus­sion mit meiner Frau kamen mir Zweifel.

Schnitt –
Für wen gibt es unendlich göttliche Barmherzigkeit? Für den Kampfpiloten? Für den Terroristen? Für die 160 Passagiere im Flugzeug? Für die 70.000 Fans im Stadion? Ich glaube, mit der unendlich göttlichen Barmherzigkeit muss jeder rechnen! Aber was ist mit unserer Barmherzigkeit?

 

Übrigens: Wer sich mit dem Thema näher befassen möchte, dem seien folgende Bü­cher empfohlen:

Papst Franziskus: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Ein Gespräch mit An­drea Tornielli. München 2016 (ISBN 978-3-466-37173-0).
Ferdinand von Schirach: Terror. München, Berlin 2015 (ISBN 978-3492-05696-0).

Erinnerung II

Zu Anfang des neuen Jahres will ich an ein Buch erinnern, das 1946, vor 70 Jahren erschienen ist. Eugen Kogons, Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager (heute verlegt bei Heyne) gilt als die erste historische Analyse des NS-Terrorsystems.

Eugen Kogon (1903-1987) war der Sohn einer jüdischen Mutter, gehörte zum christlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und war Lagerinsasse im KZ-Buchenwald. Nach dem Krieg arbeitete er als Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler. Er gilt als einer der geistigen Väter der Bundesrepublik Deutschland und der europäischen Integration.

Kogon beschreibt den SS-Staat als einen Dschungel der Verwilderung, wo um Einfluss und Macht intrigiert, um materielle Besserstellung gekämpft, geschwindelt und betrogen wurde. Er zeigt das subtile und banale Ineinandergreifen von bürokratischer Organisation, technischen Lösungen und wirtschaftlichem Effizienzstreben, welches das NS-Terrorsystem so erst möglich machte.
Nach Marion Gräfin Dönhoff wird in „diesem Buch deutlich, warum der Nationalsozialismus ohne die KZs gar nicht hätte existieren können. Die Konzentrationslager basierten auf einer Doppelstrategie von Terror und Herausforderung. Die Herausforderung richtete sich an wenige, eben an die SS … Der Terror dagegen diente zur Disziplinierung der vielen. Das Volk muß in Angst und Schrecken gehalten werden, damit dem System keine Widersacher erwachsen: Der Beamte muß wissen, daß, wer gegen den Geist des Nationalsozialismus opponiert, verloren ist; der Richter muß wissen, daß er abgesetzt wird, wenn er nicht im Sinne des Diktators Recht spricht; wer von den Wachmannschaften, noch des Mitgefühls fähig, den Gefangenen gegenüber nachsichtig war, wurde vor versammelter Mannschaft .. degradiert … Für die Elite standen Belohnung und Vorteile in Aussicht: Privilegien, Anerkennung, Ehrenbeweise, Wohlstand – für die Masse dagegen vorwiegend Drohungen: Diffamierung, Deklassierung, Haussuchungen, Sippenhaft, Folter und unter Umständen Tod. Da eine Gewaltherrschaft nach einiger Zeit stets Widerstand erzeugt, gehörte zunehmender Terror zum System, um die Herrschaft aufrechtzuerhalten.“ (DIE ZEIT, 28.Januar 1983)

http://www.zeit.de/1983/05/der-ss-staat/komplettansicht

Erinnerung

Nach dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo ist eine lebhafte Debatte über die Presse- und Meinungsfreiheit entbrannt. Die Vertreter der christlichen Kirchen gehen inzwischen offen auf Distanz zu dem Satiremagazin und sehen dessen Veröffentlichungen nicht im Einklang mit der Presse- und Kunstfreiheit. Zitat Bischof Fürst: „Wo jemand mit voller Absicht, mit Spaß und Zynismus das zu zerstören versucht, was Menschen am heiligsten ist, ist die Grenze überschritten.” (epd 21.01.) Charlie Hebdo wollte diese Grenzüberschreitung.

In Deutschland wird die Debatte um diese Grenzüberschreitung auch vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte geführt. Hier gibt es die Erfahrung, wie Karikaturen zur Propaganda eingesetzt wurden. Sie haben die Macht, bestimmte Ereignisse oder Personengruppen zu verzerren, wie im Vorfeld und während des Nationalsozialismus geschehen. Die Entwicklung der judenfeindlichen Karikatur steht in einem direkten Zusammenhang mit der Entstehung und dem Verlauf des Antisemitismus. Dieser ist u.a. durch die Karikatur stetig erweitert worden von der Religion, zur Politik, zur angeblichen Rasse. Während der Zeit des NS- Regimes erreichen stereotype Darstellungen von Personen und Geschehnissen durch Karikaturen einen Höhepunkt.

Gerade vor diesem Hintergrund wird deutlich, welcher Sensibilität es in der Debatte bedarf. Wird die Zivilgesellschaft die Kraft aufbringen, mit der Freiheit der Kunst respektvoll umzugehen?

Erbe

In einem Aufruf „Gegen Ressentiment und Abschottung: Für die Werte von 1989!“ wenden sich ehemalige DDR-Bürgerrechtler und Sympathisanten entschieden gegen die missbräuchliche In-Anspruch-Nahme des Mottos „Wir sind das Volk!“ durch die „Pegida“-Anhänger. Mit seiner klaren Positionierung ist dieser Text für die Auseinandersetzung mit den chauvinistischen, autoritären und rassistischen Inhalten von „Pegida“ unverändert wichtig. Er verdient auch in den alten Bundesländern Unterstützung

Gegen Ressentiment und Abschottung:

Für die Werte von 1989!

Wir sind 1989 auf den Straßen und Plätzen der DDR für Demokratie, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft eingetreten. Den autoritären, intoleranten und engstirnigen SED-Machthabern haben wir die universellen Werte der Freiheit, der Aufklärung und der Selbstbestimmung entgegengehalten. Unser Aufbruch war Bestandteil der großen Selbstbefreiung der mittelosteuropäischen Völker. Gemeinsam haben wir uns 1989 auf den Weg gemacht, um Hass, kleingeistiges Ressentiment und ideologische Verbohrtheit ein für alle Mal zu überwinden.

In diesen Wochen versuchen die zunehmend unverhohlen rechtsextreme Partei AfD und die Organisatoren der nationalistischen „Pegida“-Demonstrationen, die Menschen in Ostdeutschland gegen Fremde, Einwanderer und Asylsuchende aufzuhetzen. Die in den ostdeutschen Bundesländern tatsächlich verschwindend kleine Bevölkerungsgruppe der Muslime wird nach rassistischem Sündenbock-Schema dämonisiert und zur Ursache fast aller gesellschaftlichen Missstände erklärt. Mit dem Schreckbild einer sich angeblich vollziehenden „Islamisierung“ Deutschlands werden Feindbilder geschaffen und Ängste geschürt.

Das alles ist schlimm genug – und es schadet unserem Land in dramatischer Weise. Denn offensichtlich ist: Die Zukunft Ostdeutschlands als lebenswerte und zukunftsfähige Region mitten in Europa steht und fällt mit der Weltoffenheit unserer Gesellschaft. Mit einer Mentalität der Selbstabschottung, der Intoleranz und der Abgrenzung würden wir die Lebenschancen unserer Kinder und Enkel zerstören. Wahrhaftige ostdeutsche Heimatliebe erweist sich heute im Ausmaß unserer Offenheit zur Welt – und ganz sicher auch in unserer Fähigkeit zur Solidarität mit hilfsbedürftigen Menschen.

Zutiefst empört sind wir darüber, dass heute ausgerechnet rechtsnationalistische Organisationen wie AfD und Pegida versuchen, sich als Erben der Bürgerrechtsbewegung von 1989 in Szene zu setzen. Pegida veranstaltet in diesen Wochen „Montagsdemonstrationen“, auf denen der Ruf „Wir sind das Volk“ erschallt. Doch nichts ist so falsch und verlogen wie diese Behauptung! Hier wird der skandalöse Versuch unternommen, ein freiheitliches Motto für völkisch-rassistische Zwecke umzudefinieren.

Diese Begriffsenteignung werden wir nicht hinnehmen. In Wahrheit treten AfD und Pegida sämtliche Werte und Prinzipien unseres Aufbruchs von 1989 mit Füßen. Als Mitglieder und Unterstützer der damaligen Bürgerrechtsbewegung widersetzen wir uns dem niederträchtigen Treiben von AfD und Pegida mit ganzer Kraft. Wer zu den Ideen der friedlichen Revolution von 1989 steht, muss heute aufs Neue für Offenheit, Menschenrechte und Mitmenschlichkeit streiten!

Almuth Berger  /  Matthias Platzeck / Wolfgang Brinkel / Ulrike Poppe / Frank Ebert  /  Friedrich Schorlemmer

Konrad Elmer-Herzig / Reinhard Schult / Joachim Garstecki /  Wolfgang Thierse /  Wolfram Hülsemann

Hans-Jochen Tschiche / Freya Klier / Bettina Wegner / Stephan Krawczyk / Thomas Krüger / Markus Meckel

Hans Misselwitz                  6. Januar 2015

Abendland

Während an vielen Stellen populistische Gedanken über das christliche Abendland geäußert werden, geht der ehemalige Direktor der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen Hans Herrmann Henrix einen anderen Weg. In einem bemerkenswerten Beitrag für das „Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln und Osnabrück“ fragt er nach dem Lernpotential Europas angesichts des Pluralismus der Religionen. Dabei erinnert er an eine Perspektive, die in der gegenwärtigen Debatte unterzugehen droht. Zitat: „Man könnte von (Europa als) einem „Kontinent der Schoa“ sprechen. Das allerdings könnte verstellen, dass das nationalsozialistische Regime Deutschlands Urheber dieses unvergleichlichen Verbrechens war und Europa in dieses Verbrechen hineinzog“. (16) Dass in Europa trotz allem ein christlich-jüdischer Dialog zustande kam, dient ihm als Beleg dafür, dass die europäische Zivilgesellschaft das Potential des philosophisch-theologischen Austauschs und des interreligiösen Dialogs hat. Wie gefährtet dieser Dialog ist, zeigt nicht zuletzt die steigende Zahl von jüdischen Auswanderern aus Europa. Deshalb muss um diesen Dialog immer wieder behutsam vor dem Hintergrund, des von Deutschland – von Christen – ausgehenden Völkermordes gerungen werden. Da bleibt kein Raum für selbstherrliche abendländische Gedanken.

Literaturtipp: Hans Hermann Henrix, Europa und sein Pluralismus der Religionen: ein lernfähiger Kontinent?, in: Pastoralblatt 1/2015, 16-23