Auserzählt ?

Die Sprache in der deutschen Flüchtlingsdebatte hat sich verändert. Vor Monaten noch waren Willkommenskultur, spontane Unterstützung, humanitäre Hilfe Schlüsselbegriffe. Heute ist von der Wirksamkeit der Maßnahmen, Grenzschließung, Abschiebung die Rede. Dabei geht es wohl um mehr als nur Sprache. Es ändert sich die Erzählung.

Im Dezember 2015 veröffentlichte das „Limburgs dagblad“ ein Interview mit Srecko Horvart. Er ist eine Zentralfigur der neuen Linken in Kroatien und den Balkanländern sowie Gründer des Subversive Festivals, das jährlich in Zagreb stattfindet und aus osteuropäischer Perspektive den Europadiskurs mit beeinflussen will. Nach Horvart ähnelt Europa, immer mehr der Sciencefictionwelt des Films „Children of men“ von Alfonso Cuaron. Der Alltag ist zunehmend bestimmt von Gewalt, Umweltzerstörung, Terrorismus, Hysterie und staatlicher Unterdrückung – mal versteckt, mal offen. Eine subtile Angst hat die Mittelschichten erreicht und wird durch soziale Netzwerke und populistische Medienkampagnen geschürt. Spätestens seit den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln ist auch in Deutschland Politik zum Management der Angst geworden.

Für Horvart ist es die Zukunftsfrage, ob es den linken Bewegungen wie Syriza in Griechenland, Podemos in Spanien, Occupy und anderen gelingt, in Europa wieder eine große Geschichte – a big story – zu erzählen: Von einer Politik, die Fluchtursachen bekämpft und nicht Flüchtlinge, die Gewalt eindämmt und Freiheit garantiert, Recht durchsetzt und Demokratie gestaltet. Er befürchtet allerdings, dass die Erzählung längst abgerissen ist. „Wir gehen dunklen Zeit entgegen“, so seine Prognose.

Damit will sich der deutsche Soziologe Heinz Bude, der 2014 seine Streitschrift „Gesellschaft der Angst“ veröffentlichte, nicht zufrieden geben. Er fragt in der Dresdner Rede von 2015 nach dem Roten Faden einer neuen big story und findet ihn in dem alten und ehrwürdigen Begriff der Solidarität.

Diese ist, so Bude, eine endlose Quelle unseres sozialen Zusammenhalts, auch wenn sie immer dazu neigt zur exklusiven Solidarität zu werden. Solidarität für unsereins, aber nicht für die anderen. Dort aber, wo Solidarität auf Wechselseitigkeit gründet kann sie Unerwartetes leisten, sie kann eine Menschlichkeit zeigen, die man nicht vermutet hätte. Es ist die Geste der Großzügigkeit, die gründet auf dem vielleicht entscheidenden Satz gegen die Angst. Und der lautet: „Du bist nicht allein!“ … „Denke nicht, das was Dir passiert, ist nur Dir passiert. Glaube nicht, es gibt kein gemeinsames Schicksal mehr in unserer Gesellschaft der Individuen“.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de/download/21131/dresdner_rede_heinz_bude_01022015.pdf

http://www.laika-verlag.de/laika-diskurs/was-will-europa

http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-02/yanis-varoufakis-eu-demokratie-linke-partei-diem-2025

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2 Gedanken zu “Auserzählt ?

  1. Lieber Herr Körber,
    auch ich kann für meine Umwelt nur bestätigen, dass konkrete Angst vor Gewalt und Terror ein großes Thema ist und sich die Willkommenskultur ändert. Bei mir kann ich diese Tendenzen jedoch nicht feststellen. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass ich im rheinischen Katholizismus tief verankert bin (Die Lage ist zwar hoffnungsfroh, aber nicht ernst!), in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen bin und einer gewissen Sozialromantik anhänge, die sich Ende der 1960er Jahre entwickelte. Ich glaube bis heute immer noch an das „GUTE“ im Menschen, auch wenn das manchmal schwerfällt.
    Leider gibt es in der heutigen Zeit zu wenig Intellektuelle, die sich auf die „richtige“ Seite stellen. In meiner Disziplin hat eine Verschiebung in Richtung „Bindestrich-Sozialwissenschaften“ stattgefunden. Diese Damen und Herren habenden Blick für das „GROßE UND GANZE“ vollkommen aus den Augen verloren und sind zu Erbsenzählern mutiert. Heinz Bude ist da eine Ausnahme.

    Viele Grüße

    Bruno Ortmanns

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  2. Lieber Herr Körber,

    Herzlichen Dank für Ihre Hinweise und Gedanken.
    Besonders dafür, der Solidarität die wichtige Rolle in unserer „Geschichte“ zu geben, die ihr gebührt!

    Herzliche Grüße
    Brigitte Erm

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