Verlegenheit

Papst Franziskus wird 2016 den Karlspreis der Stadt Aachen erhalten. Mit diesem Preis werden seit 1950 jährlich Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Nun scheint aber angesichts der Krise der Europäischen Union diese Spezies immer schwieriger zu finden zu sein. Im letzten Jahr konnte man mit Martin Schulz, als Parlamentspräsident, noch einen aus dem Kerngeschäft küren, aber in diesem Jahr wurde es eng. Wohl kaum ein europäischer Politiker oder eine europäische Institution, die nicht polarisiert hätte. Kaum vorstellbar, den Preis heute an einen osteuropäischen Regierungschef zu verleihen oder an die Grenzschutzagentur Frontex. Dabei ließen sich für beide Optionen durchaus Gründe finden.

So lag es unter diesen Bedingungen nahe auf Papst Franziskus zurückzugreifen, zumal dieser am 25. November 2015 eine nachdenkliche Rede vor dem Europaparlament gehalten hat. Er war es auch, der zu Beginn seiner Amtszeit dem europäischen Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer die ihm gebotene Aufmerksamkeit gab mit seinem Besuch auf Lampedusa, er erinnert Europa an seine Werte und prangert Europas mörderische Wirtschaftspolitik an. Inhaltlich, so mag man urteilen, ist er daher kein schlechter Preisträger. Und doch wird dieser Preisträger zur Projektionsfläche der Politik um vor ihrer Verantwortung abzulenken – sei es in Fragen des Klimawandels oder Europas. Ganz unproblematisch ist sicher auch aus europäischer Sicht nicht, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche ausgezeichnet wird, wo doch die Frage des Miteinanders verschiedener Religionen eine Zukunftsfrage Europas ist.

Ich frage mich, ob es nicht glaubwürdiger gewesen wäre, angesichts der europäischen Lage in diesem Jahr einmal den Preis nicht zu verleihen. Als ein Zeichen, ein Moratorium. Ein Hinweis darauf, dass die europäische Idee zur Ideologie zu geraten droht – da wo keine solidarische Flüchtlingspolitik möglich ist, wo Banken und Konzerne auf Kosten von Menschenrechten und Sozialem den Euroraum gestalten.

 

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/karlspreis-an-papst-franziskus-peinlich-13982701.html

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Ein Gedanke zu “Verlegenheit

  1. Den letzten Abschnitt kann ich sehr gut verstehen und habe Sympathie dafür.
    Allerdings ist für mich die Preisverleihung auch ein Zeichen, diesen Papst zu unterstützen und seinen Gegnern zu zeigen was man von Papst hält ….

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