Weihnachten

wird dieses Jahr zu einem Statement stilisiert. Nach den Attentaten von Paris und mitten im Krieg gegen den IS werden Politiker und Feuilletonisten angesichts von Weihnachten die Kraft der christlichen Werte beschwören. In sozialen Netzwerken und Tageszeitungen, wird in den nächsten Tagen versucht werden die Botschaft von Weihnachten mit der Flüchtlingssituation und der Frage von Krieg und Frieden zu verbinden. Sie sind vorhersehbar, die Appelle von Angela Merkel, Joachim Gauck und den deutschen Bischöfen.

 

Aber machen wir uns nichts vor. Neben der Welt der Religionen mit ihren traditionellen Angeboten hat sich längst ein Bereich von Areligiösität und Indifferentismus in den westlichen Industriestaaten formiert, in dem man nicht mehr religiös denkt und empfindet. Der evangelische Theologe Hans-Martin Barth sieht hierin eine neue Stufe der Religionsgeschichte. Wer die intellektuelle Schwäche des Westens in der Auseinandersetzung mit dem IS überwinden will, wie es einige Philosophen und Theologen fordern, muss, meiner Ansicht nach, bei dieser Situation ansetzen. Das bedeutet die Polarität von Religiösem und Weltlichem, die aktuell wieder oft beschworen wird zu überwinden und zutiefst anzuerkennen, dass die Erosion des Christlichen und der neue Atheismus im Zusammenhang mit dem Wirken Gottes stehen. Das, so Barth, ist die menschheitsgeschichtliche Aufgabe für die Kirchen.

 

Würden sie sich dieser Aufgabe stellen, wären sie nicht Hüter und Bewahrer der institutionellen Form, sondern Vorboten und Helfer auf dem Weg zu einem Christentum, in dessen Zentrum Freiheit und Lebensfreude stehen und die Verteidigung der Menschenrechte. Oder wie es Dietrich Bonhoeffer formulierte: „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben“. Dann würde etwas Neues buchstabiert, gleichsam eine Geburt, nicht die ritualisierte Wiederholung des Alten. Es würde der Weg frei zu einem religionstranszendenten Christentum – einem Christentum, das sich nicht in Kirchlichkeit erschöpft und die Gottesfrage nicht als beantwortet erklärt, sondern als offene Lebensfrage in unseren Gesellschaften wachhält.

 

Angesichts der stets heftiger werdenden Wortgefechte der Gottesbehaupter erscheint diese Vorstellung wie ein Traum – ein weihnachtlicher Traum.

 

Literaturtipp:

Hans-Martin Barth, Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein, Gütersloh 2013

http://www.bonhoeffer.ch/artikel/gegen-die-veraechter-des-leibes/

http://hinsehen.net/2015/12/12/religion-ist-gegen-waffen-immun-ueber-die-intellektuelle-schwaeche-des-westens/

https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/ode-an-den-tod

 

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2 Gedanken zu “Weihnachten

  1. „Das bedeutet die Polarität von Religiösem und Weltlichem, die aktuell wieder oft beschworen wird zu überwinden und zutiefst anzuerkennen, dass die Erosion des Christlichen und der neue Atheismus im Zusammenhang mit dem Wirken Gottes stehen“: Der Sinn dieses Satzes erschließt sich mir nicht, selbst nach mehrmaligem Lesen. Gott wirkt, ist quasi mit im Spiel bei der Erosion des Christlichen und des neuen Atheismus?

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    1. Hallo Franz Josef,

      Ich nehme hier die Argumentation von Hans-Martin Barth auf, dessen Gedanken, mich seit geraumer Zeit beschäftigen.

      Er plädiert für ein religionstranszendentes Christentum, das sich jenseits von Religionslosigkeit und Religiosität positioniert. Daher meine Formulierung, dass es hier womöglich einen Zusammenhang mit dem Wirken Gottes gibt.
      Barth jedenfalls ist der Ansicht, dass nicht die Frage, wie ein Mensch oder eine Kultur christlich werden kann, sondern die umgekehrte Frage, wie Jesus Christus auch unter areligiösen Menschen auf Resonanz stoßen kann, die entscheidende Zukunftsfrage für Christen ist.

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