Mehr Asyl gewähren

Es mehren sich die Stimmen aus der Politik insbesondere von Landes- und KommunalvertreterInnen, die von den Kirchen einen anderen Umgang mit ihren Immobilien und Grundstücken im Sinne von Flüchtlingen fordern. Das ist verständlich, denn der Druck ist groß. Beschämend und skandalös ist es, wenn in einem reichen Land die Aufnahme von Flüchtlingen nur noch in Zeltstätten und Containerdörfern möglich zu sein scheint, wenn eine gut strukturierte Verwaltung sich plötzlich hilflos und überfordert gibt. Angesichts dieser Lage mehr Engagement von den Kirchen zu fordern, wo viele Städte und Gemeinden von kirchlichem Gebäude- und Grundbesitz durchzogen sind, liegt auf der Hand.

Und doch sind solche Appelle auch ethisch verpackte Ablenkungsmanöver. Sie kaschieren die eigenen nämlich politischen Versäumnisse der Vergangenheit – blenden aus, das man Prognosen ignoriert hat und nun mit der Art und Weise, wie man aktuell Flüchtlingen begegnet Politik macht und Abschreckung inszeniert. Sie ignorieren die Milliarden, die in eine gut funktionierende Abschiebestruktur investiert werden. Gerade im Aufdecken solcher Zusammenhänge und in der Etablierung einer Willkommenskultur aber haben kirchliche Gruppen ihren Handlungsschwerpunkt gesetzt – und das seit Jahrzehnten! Hier ist durch die zugespitzte Situation eine große Zahl von Gemeinden und Gruppen neu aktiv geworden. Würden sie ihr Engagement einstellen, wäre dies eine spürbare Verschlechterung für die Situation der Flüchtlinge.

In Aachen sorgt jüngst eine öffentliche Kritik des Bischofs durch Bündnis 90/Die Grünen für Aufsehen. In einem Pressebericht mit der Überschrift „Harte Kritik an Bischof: Mehr Asyl gewähren“ heißt es: „Wir wissen, dass es leerstehende Gebäude gibt. Aber offenbar wird hier die Verantwortung auch angesichts verschiedener Träger hin und hergeschoben. Es ist unverständlich und inakzeptabel, das da nicht mehr geht. Zumal die Pfarren vor 20 Jahren angesichts der Balkan-Krise etlichen Kriegsflüchtlingen aus Bosnien Unterschlupf gewährt hätten. (Bürgermeisterin) Scheidt: Wir vermissen Männer wie damals Pfarrer Kaefer, der Wohnraum in Haaren bereitgestellt hat – und seinerseits der Politik die Leviten gelesen hat.“ (AZ, 14.08.2015)

Bei mir löst dieser Appell zwiespältige Reaktionen aus. Zum einen ist es richtig, nicht müde zu werden und die Eigentümer kirchlicher Immobilien und auch den Bischof an ihre Verantwortung zu erinnern. Angesichts ihres Anspruchs als gesellschaftliche Kraft tut die Kirche zu wenig. Daher ist es gut, dass die Politik durch diese Kritik am kirchlichen Handeln in der Flüchtlingsfrage das Problem des glaubwürdigen Umgangs mit kirchlichem Besitz anfragt. Aber es wird auch deutlich, wie verstaubt das Kirchenbild der Kritiker ist. Die Kirche von heute ist nicht mehr die der 90er Jahre. Es gibt sie eben kaum noch, die politisch, von sozialen Bewegungen, wie etwa der Friedensbewegung geprägten Kirchenleute. Und es gibt aktuell in den Kirchen keine ethisch inspirierten Bewegungen mit Blick auf politische Reformen – nur: gibt es die in der Gesellschaft? Insofern mag der Appell beim Bischof Gehör finden – aber in der kirchlichen Wirklichkeit? In der Flüchtlingsfrage jedenfalls zeigt sich, was die Gesellschaft von der Kirche noch erwarten kann.

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