Der erleuchtete Kapitalismus

Im Vorfeld des 1. Mai ist Gelegenheit um über den Zusammenhang von Religion und Wirtschaft nachzudenken.

Die kapitalistische Marktwirtschaft ist eng mit dem Katholizismus europäischer Gestalt verbunden – ebenso wie die Demokratie und der Sozialstaat. Kirchliche Wertvorstellungen prägten Arbeitsmoral, Betriebsabläufe und das ökonomische Handeln. Dies war keine reine Adaptionsgeschichte, sie wurde auf katholischer Seite immer auch begleitet von einer päpstlichen Sozialverkündigung und von kritischen katholisch sozialen Bewegungen, die für sozialstaatliche Korrekturen der kapitalistischen Marktwirtschaft plädierten. Nachhall hat für viele noch der provokante Ruf von Papst Franziskus aus dem vergangenen Jahr, dass „diese Wirtschaft tötet“.

Trotz der markanten Worte des Papstes, ist die sozialpolitisch-kapitalismuskritische Kritik durch die Großkirchen „eines sanften Todes“ entschlafen“, so der Frankfurter Sozialethiker Bernhard Emunds. Während hier eine ethische Traditionslinie abstirbt, meditieren Banker, Vorstandsvorsitzende machen Yoga und ganze Abteilungen von Konzernen üben sich in Achtsamkeit. Längst hat die östliche Spiritualität die Leitbilder von Unternehmensberatern und Personalagenturen durchdrungen. Sind es heute die östlichen Religionen auf denen eine ethische Kritik der Weltwirtschaftsordnung gründet? Ist ihr Beitrag heute wirksamer als jener der kritischen katholischen Bewegungen in der Vergangenheit?

Marc Simons beleuchtete in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26. April diesen religiösen Paradigmenwechsel. Seiner Analyse nach haben die gesellschaftlich prägendsten Sektoren – Finanzen, Handel und Kommunikation – die spirituellen Praktiken und Philosophien der östlichen Lehren bereits tief verinnerlicht. Bei Ebay und Google wird gelehrt: „Alles was gut ist für den Menschen ist auch gut fürs Geschäft“. Propagiert wird die Versöhnung von Spiritualität und Kapitalismus. Eine Spiritualität, die Burn-out verhindern, Depressionen lindern und den Betrieb achtsam am Laufen halten soll.

Viele der von kirchlichen Kräften errungenen sozialstaatlichen Korrekturen der kapitalistischen Marktwirtschaft sind inzwischen Geschichte. Schreibt die neue Allianz von östlichen Religionen und Wirtschaft hier ein neues erfolgreiches Kapitel? Skepsis scheint mir angebracht. „Rette die Welt in deiner Freizeit“ – heißt es in einer spirituellen Handreichung zur Mitarbeiterführung. Das aber wird nicht ausreichen angesichts der ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

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Ein Gedanke zu “Der erleuchtete Kapitalismus

  1. Es ist leider so, dass es im Katholizismus eine lange Tradition ökonomisch effizienten Umgangs mit Geld gibt und spätestens seit Gründung der Pax- und Ligabanken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch eigene Geldinstitute im deutschsprachigen Raum, dass aber zugleich mit der juristischen Aushöhlung des Zinsverbots im CIC von 1917/1918 und dessen kompletten Wegfall im CIC von 1983 grosso Modo Ethik dabei keine nennenswerte Rolle mehr spielte.
    Dabei hatte der große französische Konzilstheologe und Ekklesiologe Yves Congar 1965 im Nachgang des 2. Vatikanischen Konzils bereits expilzit angemahnt, dass Kapitalanlagekriterien zum Kern kirchlicher Glaubwürdigkeit gehören… Doch außer der „Bank für Orden und Mission“ und der „Steyler Bank St. Augustin“, den Franziskanern bzw. den Steyler Missionaren nahestehend, die beide ethische Kriterien zur Basis ihres Geschäftes gemacht haben und avatgardistisch in diesme Bereich wirken, hinken andere Kirchenbanken bestehsfalls mit einigen Basiskriterien den möglichen Entwicklungen nach.
    Genauso verfehlt ist aber auch, davon zu sprechend, östliche Spiritualität habe in Unternehmensführung und Managerschulung Einzug gehalten. Das, was hier unter Yoga, Achtsamkeitsschulung, Zen usf. verhandelt wird, sind effizienzorientierte Versatzstücke westlicher Kultur- und Zeitgeistadaption i.d.R. tiefer buddhistischer oder hinduistischer Spiritualitätstraditionen, die verkommen sind nicht einmal zur Methode (Das wäre noch zu euphemistisch, denn Methode meint im Wortsinn einen Weg, der nicht abgeschnitten ist von seinem Ausgangspunkt, seiner Quelle.), sondern zur puren Technik. Jean-Luc Nancy spricht hier zurecht vom „humanistischen Kompromiss“ – der eben auch kompromittiert.
    So gesehen liegen beide gravierenden Mißstände, einer dem anderen folgend, auf einer Linie, bezeichnen – auch wenn es oberflächlich als „spirituelle Ablösung“ erscheint dasselbe Grundübel: eine Spiritualitätsvergessenheit im religiösen wie im philosophischen Sinn – als Geistvergessenheit.

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