Das Göttliche

Der Jesuit Franz Meures durchbricht mit seiner Auslegung von „Ostern als Teilhabe an der Gottesferne“ die gängigen Ostergedanken. „Er ist nicht hier“ (Mt 28,6) lautet die erste Osterbotschaft an die Frauen, die den Gekreuzigten suchen. Und dieser Satz, so Meures, ist bei weitem kein „kirchliches Randphänomen, sondern findet sich in der Mitte geistlichen und kirchlichen Lebens.“ Die Erfahrung der Gottesferne ist die Realität normalen christlichen Lebens, aber zugleich immer noch ein innerkirchlich tabuisiertes Phänomen.

Die Frage wie das Abwesende anwesend sein kann, beschäftigt auch den Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Struth in seiner Arbeit „audience“, die aktuell im Rahmen der Ausstellung „Der Göttliche. Hommage an Michelangelo“ in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen ist. Er gestaltet einen eigenen Raum mit großformatigen Fotografien einer Menschengruppe, die Michelangelos David betrachten. Die Statue selbst ist nicht zu sehen, nur schemenhaft taucht sie in der Spiegelung einer Sonnenbrille auf. Und doch erzeugen die Fotografien eine Wirkung, als sei der Abwesende anwesend. Der Ausstellungsbesucher begegnet ihm quasi zusammen mit den fotografierten Betrachtern, ohne ihn selbst zu sehen. Und so gelingt es Struth, inmitten der Präsentation der religiösen Kunst Michelangelos und von ihr inspirierten Künstlern in eine zeitgenössische Tiefe vorzudringen, die jenseits der Kopie frommer Kunstwerke aus alter Zeit liegt.

Will die Kirche, wollen Christen, die Frage nach dem Göttlichen in der Gesellschaft wach halten und nicht nur immer wieder kopieren, so werden sie nicht umhinkommen, sich mit der Abwesenheit Gottes intensiver als bisher auseinanderzusetzen.

https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/68-jahrgang-2014/gottlos-von-zweiflern-und-religionskritikern/osterglaube-als-teilhabe-an-der-gottesferne-er-ist-nicht-hier

http://www.wdr3.de/kunst/michelangelobonn-100_imageNo-16.html

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Ein Gedanke zu “Das Göttliche

  1. Lieber Herr Körber,

    das Thema „Abwesenheit Gottes“ war Gegenstand meiner Ansprache beim Osternachtgottesdienst in Kohlscheid-Kämpchen.
    Ich glaube, die Christen vor ca. 2000 Jahren haben sehr viel Glück gehabt, weil sie den Auferstandenen nochmals sehen durften. Wir hatten dieses Glück leider noch nicht und müssen uns daher mit großen Ritualen und Zeichen über Wasser halten.
    Darüber hinaus brauchen wir einen aushaltenden Glauben, der die hohe Wahrscheinlichkeit auffängt, dass wir Gott zu Lebzeiten nicht zu Gesicht bekommen.
    Wir brauchen auch eine starke Hoffnung. Als Katholik und Rheinländer verwandle ich den Spruch „Die Lage ist zwar ernst, aber nicht hoffnungslos!“ gerne in „Die Lage ist zwar hoffnungsfroh, aber nicht ernst!“. Es gibt eine vage Hoffnung in uns Christen, dass wir dem irdischen Leid und dem Tod ins Gesicht lachen können und dürfen. Dieses Lachen macht frei und verleiht Flügel.
    Außerdem brauchen wir eine große Liebe zu unseren Mitmenschen, die uns die Zeit bis zur Anwesenheit Gottes überbrücken lässt.
    Übrigens: Ich habe die Ansprache mit dem sogenannte Osterlachen beendet. Dazu haben die Liturgiebeteiligten (3 Lektoren und ich) jeweils einen Witz mit religiösem Hintergrund (und eine Zugabe)erzählt. Das Osterlachen ist auch eine Möglichkeit die Wartezeit zwischen der Abwesenheit und Anwesenheit Gottes zu verkürzen.

    Viele Grüße

    Bruno Ortmanns

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