Klasse

Die Mittelschicht trug wesentlich zum Zusammenhalt der deutschen Nachkriegsgesellschaft bei, sie wuchs kontinuierlich und war durchlässig für Aufsteigergruppen. Sie war Normen gebend und verhinderte, dass die Gesellschaft von Extremen unterlaufen wurde. Die Tage der Mittelschicht jedoch sind gezählt, aus vielfältigen Gründen. Die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch schildert sie eindrücklich in ihrem Essay „Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte“.

Nach Koppetsch polarisiert sich die Mittelschicht. Am unteren Ende kämpfen prekär Beschäftigte gegen den Abstieg und im oberen Bereich versuchen die Gewinner in die Elite vorzudringen. Koppetsch prognostiziert das Entstehen einer Klassengesellschaft in Deutschland. Sprach Ulrich Beck noch 1970 von einer Gesellschaft „jenseits von Klasse und Stand“, so ist dies vorbei. Soziale Herkunft und die im Elternhaus erworbenen und vorhandenen Ressourcen entscheiden heute wieder über Chancen. Das Sicherheitsbedürfnis wächst und traditionelle Leitbilder werden wieder attraktiv, nicht nur bei jüngeren Menschen. Sie stellen eine Schutzreaktion auf die Flexibilitätserwartungen und Unsicherheiten in der Arbeitswelt dar – eine Anpassungsleistung, um zu überleben.

Die katholische Kirche in Deutschland wird von der Mittelschicht getragen. Kirchliche Wertvorstellungen fanden hier einen entsprechenden Resonanzboden, umgekehrt prägte die Mittelschicht das Verständnis davon was gemeinhin als christlich galt. Es wäre von kirchlicher Seite ein Kurzschluss, sich über die Wiederkehr des bürgerlichen Familienideals und der traditionellen Rollenbilder von Mann und Frau zu freuen. Vielmehr wird die Kirche Teil des Polarisierungsprozesses der Mittelschicht. Wird sie zur Anstalt der Eliten mit Privatschulen, Universitäten etc. oder zur Helferin in prekären Lebenslagen mit Beratungsstellen, Suppenküchen etc.? In vielen europäischen Ländern gibt es bereits eine solche Zweiklassenkirche.

Noch erreicht die Kirche in Deutschland die Mittelschicht. Noch hat sie die Chance sich an die Seite der erschöpften Mitte zu stellen und sie mit ihren Ängsten nicht alleine zu lassen. Noch hat sie die Möglichkeit, in der Mitte für eine Praxis der Solidarität zu streiten.
Literaturtipp:
Cornelia Koppetsch, Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte, Frankfurt/New York 2013

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