Dilemma

Die Großwetterlage ist für die Kirche nicht günstig. Sie ist eine Institution im Niedergang. Man kann es an allen Ecken sehen. Ihre Gebäude sind zu groß, teilweise verfallen sie, 178.805 Katholiken sind im letzten Jahr in Deutschland aus der Kirche ausgetreten, Mitglieder und Personal sind überaltert – um nur einige Indikatoren zu nennen.

Zugleich aber verfügt die Kirche über Rekordeinnahmen durch die Kirchensteuer. Vieles ist plötzlich möglich an Aktivitäten und Projekten. Gründungsinitiativen werden gestartet und eine Aufbruchsstimmung ausgerufen. Hier und da sieht die Politik in der Kirche noch eine Macht, von der sie glaubt, sie könne der Gesellschaft Orientierung geben. Gegen die wachsende Ökonomisierung soll sie das Soziale verteidigen und die anarchischen Kräfte des Religiösen zügeln. Aber auch das wird den Megatrend des Bedeutungsverlustes der kirchlichen Institution nicht umkehren.

Zu viele kirchlich Verantwortliche reden sich die Realität schön und unterliegen immer noch der Illusion, dass viele Menschen auf der Suche sind und auf ihre eigene Art Christen sein wollen. Dies jedoch widerlegt die Mitgliederbefragung der evangelischen Kirche von 2014. Sie kommt zu dem Schluss: „Wer heute die Kirche verlässt, ruft auch nicht im stillen Kämmerlein nach Gott.“

So befinden sich diejenigen, die Kirche gestalten wollen, in einem Dilemma. Woran sollen sie ihre Bemühungen und Initiativen ausrichten? Was geht noch? Soll man sich verheizen lassen? Was an Engagement lohnt sich im Prozess des Niedergangs?

Dort, wo sich kirchliche Aktivitäten und Projekte an gesellschaftlichen Problemen und menschlichen Krisen ausrichten, dürften diese Fragen keine allzu große Rolle spielen. Hier trägt die Erfahrung, gebraucht zu werden: in der Flüchtlingsarbeit, bei der Telefonseelsorge, in der Hospizarbeit etc. Anders aber sieht es aus bei den Bemühungen rund um die Gemeinde. Vor welcher Zukunft stehen ein gemeinsames Glaubensleben, die Gremienarbeit, Katechese und die Versammlungen am Sonntag? Mit Gründungsinitiativen will man punktuell Neues versuchen, wo zugleich im Umfeld Altes massiv stirbt.

Diese punktuellen Gründungsinitiativen mildern den Druck und Frust der Großwetterlage. Es ist wie im Politischen, wo die komplexe weltpolitische Lage viele Menschen sprachlos macht und lähmt. Dann lasst es uns doch mal mit Stricken probieren. Kleine Räume und konkrete Aufgaben schaffen Geborgenheit und Sicherheit. Warum nicht mal über die Spiritualität des Holzes nachdenken? Reorganisiert sich somit kirchlicherseits in den scheinbar neuen Versuchen von Liturgie und Gemeinde das, was man als grundlegenden Verlust erfährt: Nähe, Geborgenheit, Übersichtlichkeit? Dagegen ist wenig zu sagen. Es sind nun mal elementare Bedürfnisse. Der französische Autor Michel Houellebecq geht in seinem neuen Roman soweit, dass er die These entwirft, der Mensch lebe in der Religion seine Lust zur Unterwerfung aus.

Wenn wirklich die Suche nach Nähe, Geborgenheit, Übersichtlichkeit und Unterwerfung Gemeindegründungen antreibt, wie verträgt sich dies mit dem christlichen Verständnis von Gott, der zur Freiheit ruft. Ist es dieser Ruf zur Freiheit, der Angst macht – ein Motiv, das die Bibel kennt. Angst davor, weggerissen zu werden, die Kontrolle zu verlieren. Ist der kirchliche Niedergang nicht die Einladung Gottes, seine Ohnmacht zu teilen? Meint dies nicht Nachfolge?

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Ein Gedanke zu “Dilemma

  1. Mein Eindruck ist ein anderer: Viele Menschen machen sich auf die Suche nach Gott, aber – aus Perspektive der Kirche – auf unkonventionellen Wegen. Sie lernen, Gott direkt in ihrem Leben zu erfahren. Filme wie „Awake – Ein Reiseführer ins Erwachen“ oder „The Power of the heart“ schildern für mich sehr berührend, wie solche Wege aussehen können.Neben all‘ dem guten, was Kirche tut, neben all den Worten, die in Kirche gesprochen werden, kann vielleicht noch viel mehr getan werden, damit der Glaube nicht nur den Kopf, sondern vor allem das Herz berührt. Denn da gehört er hin, da erschließt sich eine wirkliche Verbindung zu Gott, die trägt.

    Mein eigener Weg hat mich dabei selbst erstaunt. In den ersten dreißig Jahren meines Lebens war ich der Kirche sehr verbunden. Dann konnte ich mit dem Glauben immer weniger anfangen. Hinzu kam die Trennung von meiner ersten Frau. Als „Wiederverheirateter“ fühlte ich mich dann sehr unwohl in der Kirche. Irgendwann bin ich ausgetreten.

    Dann habe ich mich auf einen inneren Weg begeben, der zunächst gar nichts mit Gott zu tun hatte. Ich wollte mich weiterentwickeln, alte Ängste, Zwänge, Grenzen und Schranken überwinden. Ich ließ meine verdrängten Gefühle – wie Angst und Scham und Wut – wieder zu, fühlte sie liebevoll und bejahend und es geschah ein kleines Wunder: Mein Herz öffnete sich wieder, es begann wieder zu atmen und plötzlich war die Frage nach Gott wieder da. Ich trat wieder in die Kirche ein, die doch immer eine wichtige Heimat für mich geblieben war. Herz öffnen, Lieben lernen … das war mein Weg zurück zu Gott … ganz außerhalb der Kirche … aber auch zurück zur Kirche. Vielleicht kann und darf sich Kirche dieser spirituellen Szene außerhalb der Kirchenmauern noch viel mehr öffnen …

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