Erbe

In einem Aufruf „Gegen Ressentiment und Abschottung: Für die Werte von 1989!“ wenden sich ehemalige DDR-Bürgerrechtler und Sympathisanten entschieden gegen die missbräuchliche In-Anspruch-Nahme des Mottos „Wir sind das Volk!“ durch die „Pegida“-Anhänger. Mit seiner klaren Positionierung ist dieser Text für die Auseinandersetzung mit den chauvinistischen, autoritären und rassistischen Inhalten von „Pegida“ unverändert wichtig. Er verdient auch in den alten Bundesländern Unterstützung

Gegen Ressentiment und Abschottung:

Für die Werte von 1989!

Wir sind 1989 auf den Straßen und Plätzen der DDR für Demokratie, Menschenrechte und eine offene Gesellschaft eingetreten. Den autoritären, intoleranten und engstirnigen SED-Machthabern haben wir die universellen Werte der Freiheit, der Aufklärung und der Selbstbestimmung entgegengehalten. Unser Aufbruch war Bestandteil der großen Selbstbefreiung der mittelosteuropäischen Völker. Gemeinsam haben wir uns 1989 auf den Weg gemacht, um Hass, kleingeistiges Ressentiment und ideologische Verbohrtheit ein für alle Mal zu überwinden.

In diesen Wochen versuchen die zunehmend unverhohlen rechtsextreme Partei AfD und die Organisatoren der nationalistischen „Pegida“-Demonstrationen, die Menschen in Ostdeutschland gegen Fremde, Einwanderer und Asylsuchende aufzuhetzen. Die in den ostdeutschen Bundesländern tatsächlich verschwindend kleine Bevölkerungsgruppe der Muslime wird nach rassistischem Sündenbock-Schema dämonisiert und zur Ursache fast aller gesellschaftlichen Missstände erklärt. Mit dem Schreckbild einer sich angeblich vollziehenden „Islamisierung“ Deutschlands werden Feindbilder geschaffen und Ängste geschürt.

Das alles ist schlimm genug – und es schadet unserem Land in dramatischer Weise. Denn offensichtlich ist: Die Zukunft Ostdeutschlands als lebenswerte und zukunftsfähige Region mitten in Europa steht und fällt mit der Weltoffenheit unserer Gesellschaft. Mit einer Mentalität der Selbstabschottung, der Intoleranz und der Abgrenzung würden wir die Lebenschancen unserer Kinder und Enkel zerstören. Wahrhaftige ostdeutsche Heimatliebe erweist sich heute im Ausmaß unserer Offenheit zur Welt – und ganz sicher auch in unserer Fähigkeit zur Solidarität mit hilfsbedürftigen Menschen.

Zutiefst empört sind wir darüber, dass heute ausgerechnet rechtsnationalistische Organisationen wie AfD und Pegida versuchen, sich als Erben der Bürgerrechtsbewegung von 1989 in Szene zu setzen. Pegida veranstaltet in diesen Wochen „Montagsdemonstrationen“, auf denen der Ruf „Wir sind das Volk“ erschallt. Doch nichts ist so falsch und verlogen wie diese Behauptung! Hier wird der skandalöse Versuch unternommen, ein freiheitliches Motto für völkisch-rassistische Zwecke umzudefinieren.

Diese Begriffsenteignung werden wir nicht hinnehmen. In Wahrheit treten AfD und Pegida sämtliche Werte und Prinzipien unseres Aufbruchs von 1989 mit Füßen. Als Mitglieder und Unterstützer der damaligen Bürgerrechtsbewegung widersetzen wir uns dem niederträchtigen Treiben von AfD und Pegida mit ganzer Kraft. Wer zu den Ideen der friedlichen Revolution von 1989 steht, muss heute aufs Neue für Offenheit, Menschenrechte und Mitmenschlichkeit streiten!

Almuth Berger  /  Matthias Platzeck / Wolfgang Brinkel / Ulrike Poppe / Frank Ebert  /  Friedrich Schorlemmer

Konrad Elmer-Herzig / Reinhard Schult / Joachim Garstecki /  Wolfgang Thierse /  Wolfram Hülsemann

Hans-Jochen Tschiche / Freya Klier / Bettina Wegner / Stephan Krawczyk / Thomas Krüger / Markus Meckel

Hans Misselwitz                  6. Januar 2015

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